Nicolas Hamilton for MINI

„Der Motorsport hat mein ganzes Leben zum Positiven verändert.“

Dass der britische Top-Rennfahrer Nicolas Hamilton von Geburt an mit Zerebralparese (Bewegungsstörungen, ausgelöst durch eine frühkindliche Hirnschädigung) lebt, hat ihn noch stärker motiviert, seine Träume zu verwirklichen – auf der Rennstrecke und darüber hinaus. Sein lebensfroher, leidenschaftlicher Einsatz für Chancengleichheit und Diversität macht ihn zum perfekten Botschafter für MINI.

Ein stylisches, nicht ungemütliches Industrial Loft in London Anfang Juli. Nicolas begrüßt uns mit einem festen Händedruck und einem freundlichen Lächeln. Der Rennfahrer und Bruder des Formel-1-Stars Lewis Hamilton arbeitet mit MINI zusammen daran, die Kraft der Vielfalt bei den anstehenden European Championships 2022 in München zu zelebrieren. Der 30-Jährige tritt bei einigen inspirierenden Veranstaltungen als Markenbotschafter für MINI auf. Bevor Nicolas in den Flieger nach München gestiegen ist, hat er uns verraten, wie er Diversität definiert, über seine Liebe zu Autos gesprochen und erzählt, wie er seinen größten Traum trotz der Herausforderungen durch seine Zerebralparese verwirklicht hat.

Nicolas Hamilton for MINI

— Nicolas, MINI hat Sie zu den European Championships 2022 in München eingeladen, einer der größten Sportveranstaltungen in der bayrischen Landeshauptstadt seit den Olympischen Spielen 1972. Waren Sie schon mal in München?
Ich war schon oft in Deutschland und ich fand es immer toll. Die Deutschen sind nette Leute. Sie lieben Motorsport und verstehen es auch zu feiern. In München war ich aber bisher noch nicht, ich bin also sehr gespannt, was mich dort erwartet.

— Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an Bayern denken?
Zuerst einmal die bayrische Automobilbranche und ihre Verdienste. Deutschland ist ja eine führende Autobauernation. Außerdem mag ich den FC Bayern München. Bier trinke ich selbst zwar nicht, aber ich habe gehört, dass es bei euch prima Würste gibt, die würde ich liebend gerne probieren. Ich bin mir sicher, dass es mir gefallen wird.

— Haben Sie eine besondere Beziehung zu MINI?
Das erste Auto von meinem Bruder Lewis war ein MINI Cooper. Das Auto befindet sich seit Jahren im Familienbesitz, deshalb würde mein Vater es nie verkaufen. Er hat ihn erst vor Kurzem restauriert und pflegt ihn sehr gewissenhaft. Ich erinnere mich an einen Abend, als ich 15 war: Unsere Eltern waren aus und Lewis und ich veranstalteten einen Kochwettbewerb. Wir schrieben eine Einkaufsliste, stiegen in den MINI und wollten einkaufen fahren – aber der Wagen sprang nicht an. Die Batterie war leer. Wir mussten ihn also anschieben. Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist ein tolles Auto, Lewis liebte es und das passierte auch wirklich nur ein Mal. Er muss wohl das Licht angelassen haben. Irgendwann sprang der Wagen an und wir kauften alle Zutaten auf der Liste. Lewis machte ein Pasta-Gericht, das fürchterlich schmeckte. Ich machte ein Steak mit Pfeffersauce und gewann mit Leichtigkeit.

Nicolas Hamilton for MINI
EIN MINI COOPER WAR DAS ERSTE AUTO MEINES BRUDERS LEWIS. DAS AUTO IST SEIT JAHREN IN DER FAMILIE UND MEIN VATER WIRD ES NIE VERKAUFEN.
Nicolas Hamilton
Nicolas Hamilton for MINI

— MINI feiert Diversität in allen Aspekten. Was bedeutet Vielfalt für Sie?
Diversität ist für mich sehr wichtig. Es geht dabei um Chancengleichheit in allen Lebensbereichen. Man muss aber aufpassen, dass dieser Begriff nicht ein Lippenbekenntnis bleibt. Der Einstieg in den Motorsport ist schwer. Allgemein herrscht der Eindruck, dass es dabei nur ums Geld geht, was bis zu einem bestimmten Punkt auch stimmt, und dass das eher etwas für Weiße ist. Deshalb denke ich, ist Diversität so wichtig, besonders in der Automobilbranche. Da draußen gibt es so viele tolle Jobs und Chancen für alle Menschen – ganz egal, welchen Hintergrund sie haben.

— Hoffen Sie, mehr Menschen zu einer Karriere im Automobilbereich zu inspirieren?
Große Fahrzeughersteller beschäftigen Tausende von Menschen in ihren Fabriken, das Spektrum reicht von Konstruktion und Aerodynamik bis hin zum Marketing. Möglichkeiten gibt es viele, aber manchmal kann bei „Persons of Colour“ der Eindruck entstehen, dort nicht erwünscht zu sein. Oder dass sie nicht in die Branche gehören. Es ist schwierig, weil Veränderungen von oben kommen müssen, und meiner Meinung nach spielen Bildung und Verständnis dabei eine Schlüsselrolle. Aber wir machen Fortschritte. Nehmen Sie doch mal körperliche Behinderungen. Zwar haben viele mittlerweile verstanden, wie sie integrativer sein können. Aber es bleibt noch viel zu tun.

Nicolas Hamilton for MINI

— Gemeinsam mit MINI verbreiten Sie die Botschaft der BIG LOVE. Was ist Ihre größte Liebe?
Der Wunsch, ein Rennauto zu fahren. Ohne die Liebe zum Rennsport wäre ich nicht der, der ich heute bin. Ich wäre nicht so unabhängig. Hätte meine Krankheit nicht überwunden. Und säße noch immer in einem Rollstuhl. Der Motorsport hat mein ganzes Leben zum Positiven verändert. Und er ist noch immer mein Antrieb und der Grund, warum ich morgens aufstehe, um mich zu verbessern. Denn je mehr ich meine Situation verbessere, desto wettbewerbsfähiger kann ich sein. Und je stärker ich bin, desto unabhängiger bin ich im Alltagsleben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Liebe zum Motorsport jemals erlischt.

Nicolas Hamilton for MINI

— Was hat Ihre Liebe zum Motorsport entfacht?
Ich wurde schon in sehr jungen Jahren süchtig danach. Ich habe Lewis' Karriere aufmerksam verfolgt, war auf allen Rennstrecken dabei und Motorsport war immer Teil meines Lebens. Ich wollte immer Rennen fahren, aber wegen meiner Zerebralparese dachte ich, dass ich dazu nie in der Lage sein würde. Also habe ich meine Aufmerksamkeit auf Computerspiele gerichtet. Ich habe stundenlang Autorennspiele gespielt. Dabei habe ich viel über Fahrzeugabstimmung und die Grundlagen wie Bremsen, Beschleunigen und Kurvenfahren gelernt. Aber geträumt habe ich davon, in einem echten Auto zu sitzen.

— Die Ärzte sagten, dass Sie wahrscheinlich nie laufen würden, aber Sie haben sie eines Besseren belehrt. Wie haben Sie Ihren Traum verwirklicht?
Meine Krankheit zu überwinden, war nicht einfach – weder physisch noch mental. Ich habe lange mit meinem Schicksal gehadert und nicht verstanden, warum ich eine Behinderung habe und alle meine Freunde nicht. Ich musste mit nicht behinderten Menschen in die Schule gehen und lernen, im Körper einer Person mit Behinderung in einer Welt von Menschen ohne Behinderung zu leben, um wirklich zu begreifen, wie der Hase läuft. Anfangs konnte ich kaum gehen und in der Schule herumzulaufen ging gar nicht. Also habe ich mich mit zwölf Jahren für einen Rollstuhl entschieden. Der Rollstuhl war mir im Schulalltag zwar eine große Hilfe, aber ich wurde gehänselt. Mit 17, nach fünf Jahren im Rolli, wusste ich, dass ich etwas tun muss, um meinen körperlichen Zustand zu verbessern. Ich konzentrierte mich leidenschaftlich und entschlossen darauf, den Rollstuhl hinter mir zu lassen und es mithilfe des Motorsports allen zu zeigen.

Nicolas Hamilton for MINI

— Woher nehmen Sie Ihre Entschlossenheit?
Meine Eltern waren sehr streng mit mir. Sie haben mir nie erlaubt, es mir leicht zu machen. Sie wollten, dass ich mir die größte Mühe gab, um so unabhängig wie möglich zu werden, und unterstützten mich dabei. Sie sagten: „Hör zu, wir können nicht immer für dich da sein. Deshalb musst du herausfinden, was du tun kannst und was nicht. Und wenn du etwas nicht kannst, dann arbeitest du so lange daran, bis du glaubst, dass du physisch dazu in der Lage bist.“

— Wie sah Ihr Training also aus?
Mein Trainingsschwerpunkt lag definitiv auf meinen Beinen. Nach fünf Jahren im Rollstuhl war meine Beinmuskulatur sehr schwach. So schwach, dass ich kaum zur Toilette und zurück gehen konnte, ohne erschöpft zu sein. Ich wusste, wenn ich die Chance bekäme, Rennen zu fahren, wäre das Bremsen sehr wichtig. Je stärker man auf das Bremspedal treten kann, desto später kann man bremsen und desto schnellere Rundenzeiten erzielen. Als ich mit dem Training begann, konnte ich mit beiden Beinen nur zehn Kilo stemmen. Ich wusste, dass ich das auf rund 90 Kilo steigern muss, um mit den nicht behinderten Fahrern mithalten zu können. Also trainierte ich jeden Tag bis zu drei Stunden im Fitnessstudio und irgendwann konnte ich mit meinem linken Fuß 130 Kilo stemmen.

MEINE ELTERN WAREN SEHR STARK MIT MIR. SIE HABEN MIR NIE ERLAUBT, DEN EINFACHEN WEG ZU GEHEN.
Nicolas Hamilton

— Was inspiriert Sie?
Meine Mutter ist eine große Inspiration für mich. Sie ist eine unglaubliche Person. Wenn ich meine Mutter nicht hätte, ich wüsste nicht, was ich ohne sie tun würde. Sie hat mich mit ihrer Liebe, Fürsorge und ihrem Mutterinstinkt zu dem gemacht, der ich bin. Natürlich waren auch mein Bruder und mein Vater große Vorbilder für mich. Ohne sie alle wäre ich nicht der Mann, der ich heute bin. Neben meiner Familie ist da noch Alex Zanardi, der ehemalige Formel-1-Pilot, der beide Beine verlor und später vier Goldmedaillen bei den Paralympics gewann. Das ist eine unglaubliche Leistung. Aber mit der Zeit und zunehmendem Alter wird mir klar, dass ich selbst meine größte Inspiration bin. Weil das Aufstehen jeden Tag eine Herausforderung ist. Und anscheinend meistere ich sie immer, trotz der mentalen und körperlichen Anstrengungen.

— Worauf sind Sie am stolzesten?
Als erster Fahrer mit einer Behinderung 2015 bei der British Touring Car Championship zu starten, war eine enorme Leistung. Als ich dann 2020 meine ersten Punkte eingefahren habe, war das fantastisch. Das war die Belohnung für die harte Arbeit und die Entschlossenheit. Ich bin der einzige Fahrer im Feld mit einer Behinderung. Ich selbst sehe mich als Paraolympioniken, der an der Olympiade teilnimmt.

— Haben Sie Ihre Eltern schon mal in Ihrem Rennwagen mitgenommen?
Letztes Jahr habe ich sie auf die Rennstrecke nach Snetterton (Anm.d.Red. gelegen in der britischen Grafschaft Norfolk) mitgenommen. Das war für uns alle ein großer Augenblick. Denn bei meiner Geburt atmete ich nicht und man sagte meinen Eltern, dass ich es vielleicht nicht schaffen würde. Ich könnte seit 30 Jahren eine schwere Behinderung und kein Ziel in meinem Leben haben. Meine Eltern bekamen immer zu hören, dass ich es aufgrund meiner Krankheit schwer im Leben haben würde. Und dann, 30 Jahre später, steuere ich einen britischen Tourenwagen und sie sitzen auf der Rückbank. Sie zu fahren und dass sie auf mich vertrauten, war etwas ganz Besonderes.

Nicolas Hamilton for MINI

— Was meinen Sie, wie Ihre bemerkenswerte Geschichte Menschen inspirieren kann?
Anfangs ging es nur um mich und meinen Motorsport. Aber mit zunehmendem Alter denke ich neu darüber nach, was meine Bestimmung ist. Jetzt versuche ich, mich selbst aus dem Rampenlicht zu nehmen und inspirierende Menschen in den Blick zu rücken, die mir unterwegs begegnen. Außerdem möchte ich Kindern mit Behinderung, ihren Eltern, Teenagern und Erwachsenen selbst helfen. Denn ich weiß genau, welche mentale Herausforderung es ist, mit einer Behinderung aufzuwachsen, und wie es sich anfühlt, wenn man in der Schule gehänselt wird. Ich hoffe, dass meine Geschichte und das, was ich im Alltag vorlebe, noch in vielen Jahren neue Generationen motivieren.

— Welche Ziele, neben dem Motorsport, haben Sie in Ihrem Leben?
Ich würde gerne eine Fernsehshow mit bemerkenswerten Menschen als Gästen moderieren. Ich möchte ein Buch schreiben und noch mehr öffentliche Vorträge halten. Vielleicht kann ich mit meiner Geschichte Menschen helfen, zu erkennen, dass es in Ordnung ist, wenn sie einfach sie selbst sind. Man muss sich nicht an die Welt anpassen. Man kann sich seine eigene Welt erschaffen und einen Ort, an dem man Selbstvertrauen hat.

Nicolas Hamilton for MINI
Nicolas Hamilton for MINI

ÜBER NICOLAS HAMILTON.

Nicolas Hamilton, 30, fährt Rennen in der British Touring Car Championship. Als Kind sagte man ihm, er würde aufgrund seiner Zerebralparese nie gehen können und wäre sein ganzes Leben auf einen Rollstuhl angewiesen. Dank harten Trainings und seiner Entschlossenheit konnte er mit 17 ohne Hilfe gehen. Nic ist ein aufgehender Stern der britischen Motorsportszene. Er war der erste Fahrer mit einer Behinderung, der in der British Touring Car Championship startete, und fuhr 2020 seine ersten Punkte ein. Mehr zu Nicolas Hamilton finden Sie hier.