14. september 2016

DER REIZ DER REDUKTION.

In unserer vernetzten, globalisierten Welt fühlen wir uns oft überfordert von den vielfältigen Optionen. Einen Gang runter zu schalten, tut da manchmal gut. „Simplify your life“ heißt die Gegenbewegung zum „höher, schneller, weiter“.

Die digitale, voll vernetzte und multioptionale Welt – Fluch und Segen zugleich. Unsere Smartphones: Längst kleine Taschencomputer mit Hunderten von Apps, die ständige Betriebsamkeit auf allen Kanälen garantieren. Wir tragen Uhren und Fitnessarmbänder, die unseren Gesundheitszustand überwachen, uns mitteilen, wie viel wir uns bewegen, was wir essen und wie wir schlafen sollen. Im Wohnzimmer erwarten uns hunderte Hunderte TV-Kanäle, Netflix, iTunes und Co überschwemmen uns mit tausenden Tausenden von Serien und Filmen auf Abruf.    

 

Das alles wollen wir nicht mehr missen. Viele dieser Optionen vereinfachen und bereichern unseren Alltag. Gleichzeitig bergen sie die Gefahr, dass wir das Bewusstsein für das Jetzt verlieren, nie wirklich im Moment leben, sondern ständig damit beschäftigt sind, unseren Alltag scheinbar zu optimieren.

 

Deshalb ist in vielen Lebensbereichen eine Rückbesinnung zum Einfachen zu beobachten. Im Food-Bereich beispielsweise: „Think global, act local“ heißt das Motto. Street-Food statt Sterne-Restaurant, Klassiker statt Molekularküche. In den Möbelgeschäften beherrschen schlichte Entwürfe skandinavischer Schule das Bild, Materialen wie Holz, Beton, Messing und Kupfer sind Werkstoffe der Stunde. Blitzendes Chrom und schrille Lackoberflächen treten in den Hintergrund.

 

Und auch in der Technikwelt ist ein Trend zur Reduzierung zu beobachten. Laut einer aktuellen Studie der Universität Bonn schauen wir 88 Mal, alle 18 Minuten oder insgesamt rund 2,5 Stunden auf unser Smartphone – täglich. „Das Überraschende ist allerdings nicht die Zeit der Nutzung, sondern die riesige Anzahl der Unterbrechungen“, sagt Professor Markowetz, Leiter der Studie, über unser Handyverhalten. „Das Problem ist die daraus resultierende Fragmentierung des Alltags und das permanente Multitasking.“ Die These des Forschers: Wer ständig unterbrochen wird, kann nicht produktiv sein, ist überall nur halb dabei.

Handy von Punkt. Kann eigentlich nichts, nur telefonieren und SMS. Genau das macht es so verführerisch.

slow-Jo-Uhr von Slow. Zeit bewusster wahrnehmen.

Was also tun? Für Mark Weber aus München ist das Handy der Schweizer Firma Punkt ein Schritt in Richtung digitaler Selbstbestimmung. Das Gerät hat nur zwei Funktionen: Telefonieren und SMS-Schreiben. Digital Detox.

 

„Am Wochenende schalte ich mein Smartphone aus und das Punkt an“, erklärt der Fotograf aus München. „Ich bin dann zwar noch immer erreichbar, werde aber nicht mehr dazu verführt, ständig meine Mails zu checken, Facebook aufzurufen oder meine Zeit in WhatsApp-Gruppen zu verplempern.“ Der 33-Jährige hat schnell gemerkt, dass er seine Umwelt mit dem Punkt in der Tasche bewusster wahrnimmt. „Wenn ich früher irgendwo alleine war oder in der U-Bahn saß, habe ich sofort zum Smartphone gegriffen. Erst jetzt habe ich gemerkt, wie selten ich Dinge einfach auf mich habe wirken lassen, habe die Stadt und ihre Menschen gar nicht mehr bewusst wahrgenommen. Das war gerade für mich als Fotografen völlig kontraproduktiv.“

 

Einen ähnlichen, wenn auch nicht ganz so radikalen Ansatz wie Punkt verfolgt die Slow Jo. Die Uhr hat nur einen Zeiger und zeigt alle 24 Stunden des Tages. Dadurch bewegt sich der Zeiger nur halb so schnell und man hat einen ganzheitlichen Blick auf den Zeitenverlauf. Die Idee dahinter war die Erkenntnis, dass man in unserer heutigen Gesellschaft – mit ihren unendlichen Möglichkeiten ­­– dennoch immer weniger Zeit zu haben scheint. Und dass man, je mehr man versucht, sich zu beschleunigen, indem man beispielsweise neueste Technologien nutzt, die ersparte Zeit meist doch nicht wiederfindet. Ein Phänomen, das Michael Ende in seinem Roman Momo schon 1973 beschrieben hat. „Burnout und Freizeitstress sind Worte, die es früher gar nicht gab“, sagt einer der Gründer von Slow. „Natürlich bekommt der Tag auch mit einer Slow-Uhr nicht mehr als 24 Stunden. Sie soll vielmehr daran erinnern, dass Zeit kostbar ist und wir sie deshalb bewusst, eben langsam, nutzen sollten.“

 

Beispiele, die zeigen sollen, dass Simplifizierung nur vordergründig ein Weniger an Optionen bedeutet. Vielmehr ist der neue Trend zur Einfachheit ein Weg, sich für die richtigen Optionen zu entscheiden und den Überfluss – so angenehm er auch manchmal ist – immer mal wieder kritisch in Frage zu stellen.