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11. Dezember 2017

MINI Stadtgespräch

ORIGINALE #11: JÜNEMANNS PANTOFFELECK IN BERLIN.

Unsere Welt dreht sich immer schneller, doch zum Glück steht sie auch mal still. So wie bei Jünemanns Pantoffeleck in Berlin. In dem kleinen Familienbetrieb werden seit 109 Jahren Pantoffeln in Manufakturarbeit hergestellt. Wir haben vorbeigeschaut.

Wenn man mit Reno Jünemann spricht, merkt man schnell: Hier ist einer mit Leib und Seele bei der Sache. In Jünemanns Fall ist diese Sache handgemacht – und ein echtes Traditionsstück: der gute alte Pantoffel. Fast schon in Vergessenheit geraten, erlebt die Erfolgsgeschichte dieses wärmenden Fußkleides gerade ein Comeback. Und der Manufakturbetrieb der Jünemanns ist nicht nur der letzte seiner Art in Berlin, sondern hat diese Geschichte maßgeblich mitgestaltet. Oder wie Reno Jünemann sagt: „Wir sind Pantoffelhelden in der 4. Generation.“

Begonnen hatte alles 1908 in Magdeburg mit dem Firmengründer Bernhard Jünemann. Damals produzierte er die Pantoffeln noch in seiner Wohnung. Sein Sohn Otto übernahm das Geschäft 1927 und zog mit dem Betrieb nach Berlin-Mitte. 1968 war dann Günther Jünemann an der Reihe, den Betrieb zu führen – Renos Vater. Reno selbst war schon als kleiner Junge ein fester Bestandteil der Pantoffeldynastie.

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„Nach der Schule bin ich erst mal sofort in die Werkstatt gelaufen. Da waren alle: Oma, Papa, die Tanten. Ich bin da praktisch von klein auf reingewachsen und hab mitgeholfen. Immer mit großem Spaß. Wir sagen immer: Wer einmal in den Klebtopf fasst, der lässt nicht mehr los. Das ist wirklich so.“

Jahre später – 1991 – steigt der inzwischen zum Orthopädieschuhmacher ausgebildete junge Mann in den Familienbetrieb ein. Zu Beginn war es nicht einfach, wie er erzählt. Denn gerade die alten Maschinen haben ihren ganz eigenen Kopf und wollen oft nicht so wie er. „Am Anfang haben die Maschinen mit mir gearbeitet und nicht umgekehrt – es hat eine Weile gedauert, bis die Dinger mich als Chef akzeptiert haben.“

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Reno Jünemann strahlt: „Wenn es den Ausdruck ‚Familienbetrieb‘ nicht geben würde – wir hätten ihn erfunden.“ Auch sein Vater arbeitet immer noch mit im Geschäft – mit 78 Jahren. Schwiegermutter, Cousine und eine weitere Kollegin, die gefühlt auch zur Familie gehört, machen das Team von Jünemann komplett. Einmal Pantoffelmacher, immer Pantoffelmacher.

Warum sie alle lieben, was sie tun? „Es ist einfach schön, wenn man das, was man geschafft hat, am Ende des Tages sehen und greifen kann.“

Dass Jünemanns Pantoffeln ein echtes Highlight für frierende Füße sind, hat sich natürlich in all den Jahren rumgesprochen – sogar bis dahin, wo man es kaum erwartet. So kommen auch mal ganze Rockergangs zum Pantoffelkauf oder der US Secret Service in Begleitung der amerikanischen Gesundheitsministerin. „Die kaufen dann schon mal auf Vorrat“, lacht Jünemann. 

Und ja: Auch die Maschinen gehören in Jünemanns Betrieb fest zur Familie. Die Stanze beispielsweise ist 81 Jahre alt und seit 1936 im Einsatz für die Pantoffeln. „Die hält auch noch mal 81 Jahre durch“, ist sich Reno Jünemann sicher. Er schwört auf seine alten eisernen Weggefährten, die nicht so wartungsintensiv sind wie die moderne, total vernetzte Technik. „Das ist eben noch echte Mechanik.“ Und die hilft dabei, pro Tag 100 Paar Pantoffeln herzustellen. Die Farben und Muster? Seit Jahrzehnten unverändert. Klassisch. Einfach. Schön.

Die Materialien kommen alle aus Europa: Spanien, Italien oder auch Bayern. Nach Rohstoffen „Made in China“ kann man bei Jünemanns lange suchen. Und genau das macht die Pantoffeln so besonders. Hochwertige Materialien, gepaart mit Liebe zum Handwerk und zur Familie: „Wir haben den 1. Weltkrieg überlebt, die Weltwirtschaftskrise, den 2. Weltkrieg und die DDR. Das muss man erst mal hinbekommen.“

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Herzlich – das Wort beschreibt ihn wohl am besten. Und genauso gehen er und seine Familie auch mit den Kunden um, die regelmäßig wiederkommen. Den „typischen“ Pantoffelträger-Kunden gibt es bei ihnen nicht. Hier findet jeder das passende Hausschuhwerk – von jung bis alt, von klein bis groß, von Nachbarn und Touristen über Oma und Opa bis zum Promi und Politiker. Alle werden gleich behandelt, jedem wird ein offenes Ohr geschenkt. „Wir sind manchmal ein bisschen wie der Frisör um die Ecke. Die Menschen unterhalten sich mit uns oder schütten auch mal ihr Herz aus.“ Es ist immer was los bei Jünemanns – und das soll auch so bleiben. Reno Jünemanns größter Wunsch für die Zukunft? Das Unternehmen irgendwann an die 5. Generation zu übergeben und sie fortzuführen: die Erfolgsgeschichte des Pantoffels.

 

Jünemanns Pantoffeleck, Torstraße 39, 10119 Berlin    

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MINI STADTGESPRÄCH

ORIGINALE #10: NOH NEE – DIRNDL À L’AFRICAINE.

Dass bayerische Dirndlschnitte perfekt mit traditionellen afrikanischen Stoffen harmonieren, beweisen die Schwestern Marie Darouiche und Rahmée Wetterich. Mit ihrem Label NOH NEE – übersetzt: „Geschenk Gottes“ – führen sie Kulturen zusammen. Und lassen sie in den schönsten Farben erstrahlen.