22. Juni 2017

MINI STADTGESPRÄCH

ORIGINALE #9: KIOSK 1917 IN THALKIRCHEN.

Unweit des Münchner Zoos in Thalkirchen hat kürzlich eine 100 Jahre alte Institution wiedereröffnet: das Kiosk 1917. Ein Original wie aus dem Bilderbuch und perfekter Kandidat für unsere Serie.

„Hier habe ich als Kind meine erste Zitronenlimonade getrunken“, erinnert sich der ältere Herr mit Hut. „Das muss irgendwann nach dem Krieg gewesen sein.“ Ein träumerisches Lächeln huscht über sein Gesicht. Dann bestellt er Weißbier und Linsensuppe. Für den Enkel gibt es eine gemischte Tüte Süßes mit Leckmuschel, buntem Puffreis und Kaubonbons. Kinderglück für einen Euro.

 

Der Besuch beim Kiosk ist auch immer eine kleine Reise in die Vergangenheit; zurück an diesen Sehnsuchtsort, wo man als Knirps sein Taschengeld gegen gezuckertes Gold eintauschte oder die Eltern um ein Eis am Stiel bekniete. Diese Sehnsucht spüren auch Johannes Bayerlein und Philipp Rothhaas, als sie Mitte 2016 bei einem Spaziergang den alten Kiosk in Thalkirchen entdecken. Völlig zugewuchert und verfallen, jedoch in Bestlage, gleich an der Isar, neben der U-Bahn-Station Thalkirchen, nur einen Steinwurf vom Eingang des Münchner Zoos entfernt.

Sehnsucht verwandelt sich in Neugierde, als sie ein Klingelschild neben der vernagelten Tür finden. „Kalb“ steht darauf. Sie recherchieren. Erfahren, dass hier Familie Kalb vor 100 Jahren einen Kiosk eröffnete und drei Generationen lang betrieb. Seine letzte Besitzerin hatte darin gar gewohnt. Aber die Dame war kinderlos geblieben. Und so fiel der Kiosk mitsamt Grundstück nach ihrem Tod 2012 an einen städtischen Nachlassverwalter und geriet damit in Vergessenheit.

 

Johannes und Philipp beschließen, ihre alten Jobs als Betriebswirtschaftler und Filmausstatter an den Nagel zu hängen und das Ding zu kaufen. Vier Monate stecken sie in die Restauration. „Dabei haben wir versucht, so viel Substanz wie möglich zu erhalten“, erklärt Johannes. So bleiben die Grundmauern stehen, das Verkaufsfenster und die grüne Holzverschalung sind den Originalen nachempfunden. Auch der Name huldigt der Historie: Kiosk 1917 – Reminiszenz an das Gründungsjahr. 

 

Ende 2016 dann: Eröffnung. Schick kommt der neue alte Kiosk daher. Im Inneren haben jetzt 16 Gäste Platz. Draußen auf der kleinen Terrasse sitzen Familien in der Sonne, andere kommen auf einen schnellen Lunch vorbei. Es ist wieder ordentlich Leben in der Bude. Für das Wochenende müssen Johannes und Philipp mittlerweile zwei Helfer einstellen, um des Kundenstroms Herr zu werden. Doch trotz des Instant-Erfolges ihres Geschäftes ist es den beiden ganz wichtig, die Kiosk-Tradition zu bewahren. Deshalb wechseln sie mit fast jedem Kunden ein paar Worte, verschenken Lollies an Kinder, hören sich die alten Geschichten rund um ihren Kiosk immer wieder mit großer Neugier an. Ihr Kuchen kommt zudem von der lokalen Initiative „Kuchentratsch“, bei der Rentner gemeinsam backen. Die Suppen liefert die Münchner Suppenküche vom Viktualienmarkt. Und natürlich gibt es Eis am Stiel, klebrige Süßigkeiten, Limo, Bier und Brezen. „Wir wollten ja nicht bloß noch einen neuen Hipster-Coffeeshop eröffnen, sondern eine neue Heimat für uns und die Thalkirchener schaffen“, sagt Johannes.

So ist mit dem Kiosk 1917 ein neuer Melting Pot der Generationen entstanden. Die einen freuen sich, dass hier ein Stück ihrer Kindheit wiederbelebt wurde, die anderen darüber, dass endlich auch in Thalkirchen bester Kaffee aus der Münchner Rösterei Emilo kredenzt wird, während die Kinder ihre Nasen in die große rote Eistruhe stecken. Und da die beiden sogar eine 23-Stunden-Konzession haben, dürfte hier im Münchner Sommer auch die eine oder andere Party stattfinden. „Denn Kiosk ist für alle da“, sagen Philipp und Johannes. Und das Schöne ist: Sie meinen das auch so.

MINI STADTGESPRÄCH

ORIGINALE #8: A'GSCHEID’S IN POTZHAM.

Diesmal führt unsere Suche nach echten Originalen in einen Vorort von München. Im beschaulichen Potzham fertigt Florian Totzauer ganz besondere Custom-Longboards in Kleinstauflage.

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ORIGINALE #7: STRANDGUT IN MÜNCHEN.

Die Suche nach echten Originalen führt uns diesen Monat nach München – zu Strandgut. Ein inspirierender Ort, an dem kleine Designlabels auf großartiges Vintage-Industriedesign treffen.

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ORIGINALE #6: DIE SARDINEN.BAR IN BERLIN.

Diesmal führt unsere Suche nach Originalen in Deutschland nach Berlin. In der kürzlich eröffneten Sardinen.Bar serviert Thomas Vetter Feinkost aus der Fischdose.