© Tobias Pützer

11. januar 2017

ORIGINALE #5: UMUTS MEISTERSCHNITT IN MÜNCHEN.

WIE JEDEN MONAT HAT MINI ERNEUT EIN ORIGINAL AUFGETAN. DIESMAL WAREN WIR ZU BESUCH BEI UMUT SIMSEK IN MÜNCHEN – BARBERSHOP, FRISEUR UND SZENETREFFPUNKT.

Breite Schultern, dicke Arme, tätowierter Hals – Umut Simsek entspricht so gar nicht dem gängigen Klischee des männlichen Friseurs. Und wer eine Dauerwelle oder blonde Strähnchen möchte, ist bei Umuts Meisterschnitt im Münchner Glockenbachviertel komplett falsch.

 

Stattdessen: 20 Quadratmeter Männlichkeit. An den Wänden: Fotos von Elvis beim Friseur. In der Luft: Swingbeats und der Duft von frisch angerührtem Seifenschaum. Dazwischen geht Umut einem Kunden an den Hals – mit einem klassischen Rasiermesser.

 

Das kratzige Geräusch, wenn die Klinge die Bartstoppeln entfernt, wirft einen sofort zurück in die Kindheit, in eine Zeit, als sich Väter noch nicht mit elektrischen Apparaten rasiert haben. Die benutzt Umut zwar auch, aber eben nur auf den Köpfen seiner Kunden. Die Technik nennt sich „Maschine über Kamm“. ¬„Damit bekommt man klassische Schnitte aus den 1950er-Jahren am besten hin“, so Umut. Die nennen sich dann Flat Top, Slick Back oder Razor Fade – Nacken und Seiten meist raspelkurz, oben länger, gerne mit Pomade zur Tolle modelliert.

 

Traditionelles Friseurhandwerk, klassische Haarschnitte und die wieder aufkeimende Kunst der Bartpflege – das sind die Säulen, auf denen Umuts Erfolg basiert. Das Haareschneiden lernte der Wahlmünchner in Schwabing. „Meine Lehrmeister kamen beide aus England und waren in allem, was sie taten, überkorrekt“, erinnert sich Umut. „Die haben mir beigebracht, dass nur ein akkurater Haarschnitt ein guter Haarschnitt ist.“

 

2012, als sich Umut nach der Meisterprüfung schließlich mit einem eigenen Laden selbstständig macht, ist diese Philosophie längst in Fleisch und Blut übergegangen. Umut war damals einer der wenigen in München, der die originalen Haarschnitte der Erhard-Ära perfekt beherrscht. Das spricht sich herum. Umuts Meisterschnitt wird schnell zum Treffpunkt für die Rockabilly-Szene, für Männer, die Tolle tragen, an Autos schrauben und beim Haareschneiden keinen Latte macchiato, sondern Whiskey trinken wollen. Davon hat Umut immer ein paar Flaschen in den Regalen stehen. Gleich daneben: Pomade von Reuzel, ein amerikanischer Klassiker, und Bartwichse von Dapper Dan, einem kleinen lokalen Label aus Ottobrunn. Denn der Trend zum Vollbart tut ein übriges. Umut ist einer der ersten Friseure München, der auch auf die Bartpflege spezialisiert ist, wieder zum klassischen Rasiermesser greift und Schnurrbärte kunstvoll zwirbelt.

 

Die Mischung aus perfektem Handwerk, traditioneller Attitüde und freundschaftlicher Atmosphäre machen Umuts Meisterschnitt einzigartig. Und so erfolgreich. Wer einen Termin möchte, sollte im Voraus planen – die drei Friseurstühle, die Umut mit seinen zwei Mitarbeitern bedient, sind meist auf zwei, drei Wochen ausgebucht. Vergrößern will sich Umut trotzdem nicht. „Gerade der kleine Raum verleiht meinem Laden den Charakter und garantiert die Nähe zu jedem Kunden“, sagt der 33-Jährige. „Das würde sich auf 100 Quadratmetern verflüchtigen.“ Trotzdem möchte Umut expandieren. „Ein zweiter kleiner Barbershop in Barcelona, das wäre ein Traum“, sagt er. „Der Münchner Winter ist einfach zu kalt für einen Südländer wie mich. Da hilft auch kein Vollbart.“